13. Dez, 2017

Fallstricke und Missverständnisse zum Thema >> Gelebte Spiritualität <<

Der Meister schickte zwei seiner Schüler in ein entlegenes Dorf um für die Gemeinschaft den üblichen Monatsvorrat Kerzen zu besorgen. Der Rückweg war beschwerlich und die Last, die sie zu tragen hatten war beträchtlich. So hielten sie eine Rast in einem herabgekommenen Gasthof. Da sie auch hungrig waren, baten sie um Essen. Der Wirt kam mit zwei verbeulten Schüsseln mit schwarzen Bohnen. „Was anderes gibt es nicht für euch!“ meinte der Wirt harsch mit einem verächtlichen Lächeln.

Der Jüngere der beiden dankte dem Wirt, sprach in seinem Herzen einen Segen und aß die Mahlzeit bis zur letzten schwarzen Bohne auf. Der Ältere dachte bei sich: „Alles Dunkle und Schwarze ist strengstens zu meiden, wenn man Erleuchtung sucht, sagt der Meister, ! Wie kann mein Mitbruder das nur essen?...der muss noch viel lernen!...Naja, Erleuchtung ist nicht jedem gegeben. ...Welch eine Dreistheit des Wirtes uns so etwas vorzusetzen!“ Also lehnte er ab davon zu essen.

Ohne Nahrung im Leibe zu haben verließ den Älteren auf der Heimreise alsbald die Kraft und er verfügte, dass der Jüngere die Last alleine weitertragen solle.

Kaum, da sie angekommen waren rief sie der Meister zu sich.

„Was habt ihr heute gelernt?“ fragte der Meister. Er pflegte diese Frage jeden Abend an seine Schüler zu stellen.

Der Ältere beeilte sich mit der Antwort: „Meister, Ihr werdet stolz auf mich sein; ich hatte die innere Stärke und Kraft: ich widerstand, trotz großen Hungers die schwarzen Bohnen zu essen, die uns der unfreundliche Wirt zumutete. Nur leider konnte mein jüngerer Mitbruder nicht widerstehen. Es war dann wohl auch gerecht, dass er den Sack mit den Kerzen alleine weitertragen musste...daraus sollte er etwas Wichtiges für sein weiteres spirituelles Leben lernen!“

„Und warum hast du die Bohnen nicht gegessen?“ fragte der Meister nachdenklich.

„Meister, Ihr sagtet doch, dass wir uns hüten sollten Dunkles und Schwarzes in uns aufzunehmen!“ rief er beflissen.

Der Meister schwieg lange, sehr lange...unerträglich lange.

Dann schickte er den Jüngeren zur Nachtruhe in seine Kammer. „Schlafe heute bei geöffnetem Fenster!“ rief ihm der Meister nach.

„Und du mein Sohn stelle alle Kerzen in diesem Raum auf, woimmer du Platz findest!“ befahl er dem Älteren. Sobald dies getan war, erhob sich der Meister von seinem Kissen und zündete eine Kerze nach der anderen an, bis alle Kerzen brannten.

„Was macht Ihr, Meister, das sind doch die Kerzen, die für ein ganzes Monat reichen sollten?!“ fragte der Ältere vorwurfsvoll.

„Ich vertreibe die Dunkelheit, die aus deinem Mund hervorkam “ , antwortete der Meister in gemessener Strenge und fuhr fort: „die Handvoll Bohnen, die dein Mitbruder verzehrte, bescheren ihm höchstens ein paar Flatulenzen in der Nacht, die bis zum Morgen sicherlich durch das geöffnete Fenster entwichen sein werden.

Aus deinem Mund aber kamen dunkle Gedanken, Gefühle und Worte von Überheblichkeit, Selbstüberschätzung, Undankbarkeit, Selbstgerechtigkeit und Anmaßung, die an dir und im ganzen Raum noch sehr lange haften bleiben, wenn du sie nicht dem Licht übergibst. Die Kerzen werden dir helfen dies zu tun, denn du bleibst die ganze Nacht hier um ihr Licht zu atmen.“

Der Meister sah, dass sein Schüler langsam zu verstehen begann und vertiefte mitfühlend: „ Sieh doch mein Sohn, nichts Dunkles, was du mit deinem Munde aufnimmst kann für dich so schädlich sein, wie jenes Dunkle, das aus deinem Munde hervorkommt. Dieses vergiftet nämlich deine Seele und die Seelen deiner Mitmenschen.“

Er strich dem beschämten Schüler über sein Haupt und meinte, als der den Raum mit einem verhohlenen Schmunzeln verließ:

„Übrigens, morgen wirst du in der Küche helfen. Richte bitte dem Koch von mir aus, dass wir alle zu Mittag einen köstlichen Eintopf aus schwarzen Bohnen essen werden...vielleicht mit einer Spur Koriander und Kreuzkümmel...ja Kreuzkümmel ist gut...der hilft bei den zu erwartenden Darmwinden…….“